Studis mit Sozialkompetenz – oder wie bringe ich meine Dozenten ins Irrenhaus


Eigentlich hatte ich ja schon alle Typen von Studierenden. Dachte ich. Bis eines Tages ein Kollege eines befreundeten Lehrstuhls an mir mit irrem Blick vorbeihetzend nur noch „Sie ist wieder da… Oh mein Gott… Sie ist wieder da… die Brille, die Brille…“ murmelte. Wer ist wieder da? „Hast du sie gesehen? Nur weg hier! Brille!“ Der nächste. Was verdammt noch mal ist hier los? Kommt uns jetzt schon Angela besuchen oder wer? Verwirrt konnte ich beobachten, wie sich alle Türen schlossen, man hörte sich von innen im Schloss drehende Schlüssel, schabende Geräusche ließen erahnen, dass Schreibtische als Barrikade dienen sollten.

„Was tust du noch hier? Schnell, weg, verschwinde!“ So verwirrt hatte ich meinen Chef ja noch nie gesehen. Gehetzter Blick, ruckartige Bewegungen, hektisches Umschauen. „Komm endlich, weg hier! Bevor es zu spät ist!“ Bevor er mich in sein Büro zerren konnte – ereilte uns das Schreckliche.

Oder besser die Schreckliche. „Härr Märkel, Härr Märkel, wo sein Härr Klaus, sein Birro zu, abär höre Klaapern drinn!“ Damit baute sich eine … wie soll man sie beschreiben? … Person vor uns auf – lange, strubbelige blonde Haare, kaum durch einen Zopf gebändigt, ein undefinierbares Etwas als Bluse – beim Entwurf dieser Blumenmuster war der Designer eindeutig auf LSD –dazu unförmige, viel zu große Hosen, unter denen die praktischen Schnürschuhe, die schon bessere Zeiten gesehen hatten, kaum mehr sichtbar waren. Aber das auffälligste an ihr war ihre Brille, die schon bei ihrer Geburt geschätzt Anfang der 70er aus der Mode gewesen sein muss – mit Gläsern wie Flaschenböden in einer Größe, dass selbst die Wangen abgedeckt waren. Hm, könnte beim Cabrio fahren als Windschutz dienen. Unsanft wurde ich aus diesen Gedanken gerissen, als sie mit zusammengekniffenen Augen (wozu trägt sie eigentlich eine Brille?) losplärrte: „Abär gutt dass ich Ihnen trääfe, Härr Märkel, will kommen in Ihr Säminar!“ Mein Gott, so blass war mein Chef noch nie. Flucht? Unmöglich. Abgeschnitten. Sie füllte die Breite des Flurs mit ihrer Präsenz aus. Körperliche Gewalt zum Entkommen? Keine Chance. Was blieb war sich in unser Schicksal zu ergeben. Zwei volle Stunden lang.

Denn – sobald diese Dame jemanden in die Fänge bekommt, lässt sie ihn so schnell nicht von der Leine. Nicht nur, dass sie für ein Studium an einer deutschen Uni sehr schlecht Deutsch spricht, sie ist auch … sagen wir mal … sehr von ihrer Meinung überzeugt. Kompromissfähigkeit liegt ihr so nah wie die Sahara dem Südpol. Und jeder – und damit meine ich es auch so – der schon einmal irgendetwas mit einer Veranstaltung zu tun hatte, die diese Dame besuchte – oder auch nur sich ein Büro teilt mit so jemanden, der dieses Pech hatte, ist dauerhaft traumatisiert.

„Also, Frau Blindic, können Sie denn inzwischen mit einer Textverarbeitung umgehen und Mails schreiben?“ „Nein, nicht brauchen ich. Hat in erstem Sämästar gemacht Härr Klaus für miech!“ Wie bitte, der gutmütigste unter den Kollegen hat diese Sachen für sie erledigt? Um es kurz zu sagen – ja. Er hat sie über die Online-Systeme für die Übungen angemeldet, hat ihre Ausarbeitungen, die eigentlich elektronisch abgegeben werden sollten, handschriftlich von ihr akzeptiert. Tja. Aber weder Chef noch ich haben diese Geduld.

„Na dann, Frau Blindic, hier ist das Seminarprogramm der VHS und des Rechenzentrums. Jetzt lernen Sie erst einmal, wie man mit dem Computer umgeht, dann kommen Sie wieder. Weil – bei uns müssen Sie alles online abgeben, wir informieren IMMER per Mail und auch im Seminar müssen Sie Ausarbeitungen anfertigen…“ Heureka – nach zwei langen Stunden hatten wir sie endlich überzeugt, nächstes Jahr wiederzukommen. Leider kam sie wieder. Aber das ist ein anderes Thema.

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9 Gedanken zu „Studis mit Sozialkompetenz – oder wie bringe ich meine Dozenten ins Irrenhaus

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