Lustig wiehert der Schimmel…


Wer mal wirklich wissen will, wie der Amtsschimmel in Reinkultur funktioniert, sollte an einer Uni arbeiten. Nur kann man gar nicht so viele Wutanfälle haben, wie man kriegen will.

Beispiel: Stellenausschreibung. Wir brauchen eine Sekretärin. Eigentlich schon seit… hm… seit Januar. Das Geld dafür ist da. Die Planstelle auch. Diese Sekretärin wird für zwei Lehrstühle – uns und einen benachbarten – jeweils zur Hälfte zuständig sein. So ist zumindest der Plan.

Also erkundigte man sich in der zentralen Personalverwaltung, welche Vorgaben zum Beispiel auch hinsichtlich Gehaltseinstufung (ja, ist im ÖD eigentlich fix geregelt, anderseits gibt es da auch wieder Ermessensspielraum – und den kann man auch durch die Tätigkeitsbeschreibung ausnützen), Ausschreibungsfristen und anderer Formalia gelten. Nachdem alles geklärt war, konnte es ja losgehen.

Also setzte Chef eine Stellenausschreibung auf. Gab die ans Dekanat weiter.

*ring* La téléphone sonne. Äh. Nein. Manche Sätze aus dem Französischbuch der 9. Klasse brennen sich scheinbar sehr tief ein. Es klingelte halt.

„Ja hier ist Frau Fragwürdig vom Dekanat. Warum haben Sie denn die Stelle für Gehaltsstufe 7 ausgeschrieben? Das geht aber nicht, die haben alle 8!“

„Ähm, die Verwaltung sagte, dass Sekretärinnen Gehaltsstufe 7 kriegen!“

„Nein, das ist falsch, so geht die Anzeige nicht durch! Das müssen Sie ändern…“

„Na gut.“

Man ist ja nett und ändert das Ganze, auch wenn es das eigene Budget belastet – weil, je höher die Stufe, desto höher das Gehalt, ganz einfach.

Das Dekanat ist zufrieden, die Stellenanzeige ist veröffentlicht. Nach ein paar Tagen trudeln auch die ersten Bewerbungen bei uns ein, insgesamt sechs, davon sind drei sogar sehr interessant.

Doch unsere Uni wäre nicht unsere Uni, wäre es damit aus und man bekäme schnell eine Sekretärin.

*klingeling*

„Ja, hier ist Herr Starrsinn von der Institutsverwaltung. Personalrat. Das geht aber so nicht!“

„Äh, was bitte?“

„Na, die Stelle auf Stufe 8 ausschreiben. Hier haben alle 7! Da können Sie doch – auch wenn Sie neu sind, nicht plötzlich ausscheren! Das ist so!“

„Aber das Dekanat hat doch…! Und wir haben doch schon Bewerberinnen…!“

„Dekanat! Papperlapapp! Wir sind hier am Institut JBK! Da interessiert uns doch das Dekanat nicht! Und die Bewerberinnen und Bewerber [ja, wurde explizit so gesagt :D], die können sich ja nochmal bewerben.“

„Ähm… Ok… Na gut, ich guck mal…“

— Repeat until agreement = 7

// das heißt – 3-mal seit Dezember – allerdings ohne, dass die Stelle dazwischen noch mal veröffentlicht wurde.

Endlich! Inzwischen ist Mitte April. Das Stellenangebot ist zu guter Letzt doch formuliert. Jetzt muss nur noch Dekanat, Rektorat und natürlich der Personalrat zustimmen. Dann wird wieder veröffentlicht. Könnte ja sein, dass wir dann zum 1. Mai… ach ne, man braucht ja ein Monat Vorlauf zwischen Entscheidung und Arbeitsbeginn… also zum 1. Juni eine Sekretärin haben.

Springen wir weiter. Anfang Mai.

„Sehr geehrter Herr Chef,

Ihre Stellenangebot ist jetzt veröffentlicht, allerdings war der Personalrat mit der Formulierung nicht einverstanden und hat die entsprechenden Stellen geändert.

Mit freundlichen Grüßen,

Frau Verwaltungssekretussi-Rektorat“

Ähm…. WIE BITTE?

Der Personalrat ändert die Stellenanzeige und wir kriegen NICHTS mit? Und warum wurde überhaupt daran rumgepfuscht?

Und nein, es geht hier NICHT um ein vergessenes „/in“ oder „(m/w)“, da geht es um Änderungen von „Kenntnisse in Englisch sind zwingend erforderlich“ zu „Grundkenntnisse in Englisch wären wünschenswert“ oder Streichen ganzer Passagen hinsichtlich der Aufgabenbeschreibung – nein, Sachen wie  „einmal pro Woche Lap-Dance für den Vorstand“ standen nicht drin…

Chef ist verständlicherweise stocksauer. Aber so was von. Der Dampf kam ihm letzte Woche sprichwörtlich aus den Ohren. Und er ist eigentlich ein Gemütsmensch. Das heißt, das will was heißen.

Er sich also hingesetzt und eine angesichts der Situation sehr freundliche Mal geschrieben.

Inhalt: WTF??? Halt auf Bürodeutsch. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

„Sehr geehrter Herr Chef,

ja, das muss Ihnen nicht mitgeteilt werden, da Sie an dieser Stelle kein Vetorecht haben. Sind Sie aber sicher, dass Sie die Ausschreibung in dieser Form zurückziehen wollen? Sie sind sich im Klaren, dass dann der gesamte Genehmigungsprozess neu durchlaufen werden muss? [Also rund zwei Monate dauert] Zudem haben von den 84 Bewerberinnen der ersten Ausschreibung vom Februar immerhin 23 bekundet, auch bei geringerem Gehalt weiterhin Interesse an der Stelle zu haben …“

Boah, als Chef mir diese Mail weiterleitete, war ich froh, einige Meter entfernt zu sein. An Hand der Vehemenz, mit der sie bei mir in den Postkasten knallte, konnte man seine Stimmung gut erkennen. Und die Mail hat beinahe den Boden durchschlagen. Also – virtuell.

Vor allem – wo zum Teufel kommen diese 84(!) Bewerbungen her – die haben wir NIE gesehen! Wollen die das vorselektieren, damit wir nur die Bewerber kontakten können, die der Verwaltung genehm erscheinen, oder was? Na ja, wenn nach Pfingsten der erste Aggressionsschub vorbei ist, kümmern wir uns wieder darum. Vielleicht klappt es ja zum ersten Juli mit einer Sekretärin.

Oder zum August. Ach ne, Ferienzeit. Zum September aber ganz bestimmt…!

/update: aktueller Stand: frühestens August. Die Sichtung läuft – wir müssen außerdem begründen(!), wen wir einladen, und wen nicht (bei allen! Und es sind über 50 Bewerbungen!). Und alle Schwerbehinderten müssen wir eh einladen – auch wenn eine Friseurin mit Kenntnissen in Kassenabrechnung, eine Krankenschwester und die 9 anderen Schwerbehinderten ohne kaufmännische oder verwalterische Ausbildung oder Berufserfahrung eh nicht in Frage kommen. Ok, sagen wir September. *seufz*

 

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15 Gedanken zu „Lustig wiehert der Schimmel…

  1. *zuckersüßlächel* Du meinst, du weißt besser, was ihr braucht? Die Verwaltung hat da Jahre, ach was, JAHRZENTE mehr Erfahrung. Das stimmt schon so. Die wollen doch nur euer Bestes!

    Hat dein Chef, als er seinen Ruf da unterschrieben hat, das Kleingedruckte nicht gelesen?

  2. Die fahren recht gut mit euch Schlitten. Was der Personalrat da gemacht hat, ist ein Unding. Und das hat normalerweise auch Konsequenzen.

    Das riecht gerade alles sehr nach „mal sehen, was man mit dem Neuen alles so machen kann“.

    • Wir verstehen in jedem Fall langsam, warum die Struktur so ist wie sie ist. Warum die Profs so sind wie sie sind (z.B. wenig Gemeinschaftsgefühl). Die haben einfach keinen Bock mehr, sich damit auseinanderzusetzen und setzen sich in den Mir-san-mir-Zug. Vermutlich hat man es mit denen anfangs genauso gemacht.

      Wobei bei dem Ganzen der Personalrat noch das kleinste faule Ei ist… *seufz* Viel schlimmer ist die Verwaltungssekretussi-Rektorat-das-war-schon-immer-so.

      Chef setzt sich jetzt inzwischen einfach über sie hinweg, kommuniziert selbst mit den entsprechenden Personen – mit Erfolg… Kann die dort drüben schäumen und toben wie sie will… 😉

  3. Pingback: Update: Sekretärin, Studienpläne … | Aussicht mit Einsichten

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