Gedanken zum Postersturm


Vor kurzem hat Tante Jay einen Artikel zur Aufregung über die Poster einer Ausstellung u.a. über die Graphic Novel Habibi geschrieben.  Ich kenne Leute, die an der Uni Duisburg-Essen arbeiten (he, Konferenzen sind tolle Möglichkeiten, Leute anderer Unis und auch fremde Unis kennenzulernen) und war auch selbst schon dort.

Leider wurde die Ausstellung vorzeitig beendet, ich hatte nämlich gebeten, ob mir nicht jemand Bilder von den Postern – vielleicht sogar von den Steinen des Anstoßes – schicken kann. Leider zu spät. Aber eigentlich geht es mir gar nicht in erster Linie darum.

Wie gesagt, ich war schon auf dem (zugegeben sehr hässlichen, sorry, ist meine Meinung) Campus in Essen. Was mir dort sofort auffiel, war die sehr hohe Quote von Studierenden mit Migrationshintergrund. Ist ja nichts schlechtes, wir haben hier bei uns auch einige, außerdem Gaststudenten usw. Alles toll.

Allerdings fühlte ich mich dort sehr schnell im falschen Film. Warum?

Beispiel 1. Eine Gruppe Studierender kommt mir entgegegen. Die drei Jungs (vom Aussehen her türkischer Herkunft) könnten in jedem Rapper-Gangsta-Video mitspielen: Baggy-Pants, dicke lange Goldketten, Trainingsjacke und Flat-Caps, diese hohen, flachen Baseballcaps. Der Gang und die Art zu reden entsprechend. Hat nur noch der tiefergelegte 3er BMW gefehlt.

Nur auf Grund des Aussehens – man verzeihe mir meine Vorurteile – hätte ich keinem von denen auch nur im mindesten zugetraut, dass die überhaupt ein Abi haben könnten. Scheint aber doch so zu sein… Und da liefen viele so rum! Hm.. ich stelle mir gerade vor, mein Arzt steht so vor mir. Oder der Lehrer meine Kinder. Ach herrje. Na ja, vielleicht wächst sich das noch aus. In jedem Fall für eine Uni … gewöhnungsbedürftig.

Die Mädels dazu… na ja, Plateausohlenstilettosandalettchen, Miniröcks so kurz (Zitat nicht von mir!), „die müssen sich rasieren, dass da nix rausschaut, aber nicht AN den Beinen…“, bauchfreie Tops, viel Schminke und blondierte Haare. Zumindest zwei plappern mit den Jungs (s.o.) auf türkisch. Wow. Sorry, Mädels, da KANN man NICHT NICHT hinterhergucken. Auch die waren keine Ausnahmen, lediglich die Ausreißer nach unten.

Dagegen der Kontrapunkt in Form von

Beispiel 2. Ich schätze, dass mindestens die Hälfte der Muslima (und davon gibt es eine Menge) an dieser Uni mit Kopftuch unterwegs ist. An einer Uni. Ich verstehe ganz ehrlich nicht, was all die Mädels dazu motiviert. Vor allem – die meisten Frauen, die in Kopftuch gehen, neigen dazu, eher konservative Kleidung zu tragen, längere Röcke, Mäntel, wenig figurbetontere Sachen.

An der Uni sah ich aber das Gegenteil: Oben Kopftücher, die kaum das Gesicht frei lassen und bis über die Schultern gebreitet sind, dazu verdammt viel Make-up. Unten Minirock mit Leggins und Stöckelschuhen oder ganz enge Röhrenjeans; Trägertops und bauchfreie Shirts dazwischen. Und spätestens da verstehe ich das nicht mehr. Das ist definitiv kein Angriff auf die Religiösität von irgend jemanden, versteht mich nicht falsch. Aber ich verstehe diese Diskrepanz zwischen züchtigem Verhüllen oben und sehr offener Kleidung ansonsten nicht ganz.

Ich gebe zu, ich würde eine unbekannte junge Frau deswegen nicht ansprechen (und unsere muslimischen Studentinnen tragen kein Kopftuch, sonst hätte ich vielleicht schon eine gefragt, nicht mal diese Art der Kombination habe ich bei uns gesehen), aber ich finde einfach keine rationale Erklärung dazu. So erscheint es mir … unpassend? bigott? In jedem Fall seltsam.

Ich frage mich jetzt, ob diese von mir beobachteten Phänomene die Vorgänge, die zu dem Eklat des „Postersturms“ geführt haben, verstärkten oder sogar in irgendeiner Art und Weise sogar grundlegend dazu sind. Und noch mehr frage ich mich, wie man damit vernünftig umgeht.

In jedem Fall bin ich verwirrt.

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5 Gedanken zu „Gedanken zum Postersturm

  1. Auch die vom Aussehen her „Deutschen“ Studenten laufen abgerissen durch die Gegend. Bzw. aufgetakelt jenseits von gut und böse.
    Ich gebe mich der Hoffnung hin, dass sie das nur tun bis sie einen Abschluss haben, und dann schlagartig zu Vorbildern werden.

  2. Eigentlich ist es einfach: Wenn ich in die Türkei fahre, wird von mir erwartet, die Menschen dort zu respektieren. Passiert das nicht – hab ICH ein Problem. Nicht die Türkei.

    Auf der Uni sieht das ähnlich aus. Wenn die so rumlaufen wollen: Bitte. Sie werden noch schnell genug lernen, dass man a) mit dem Wortschatz und b) mit den Klamotten keinen Blumentopf gewinnt. Da hab ich auch weniger ein Problem mit.

    Ein Problem hab ich aber durchaus mit Menschen, die meinen, ihre religiöse Sicht der Dinge ist die einzig richtige und ergo haben sie das Recht, zu entscheiden, was anstößig ist und was nicht. Und wenn sie etwas für anstößig befinden, hat das aus dem öffentlichen Raum entfernt zu werden.

    Wenn dann noch „Sicherheitsbedenken“ bestehen dem Bibliothekspersonal gegenüber, dann ist SCHULZ.

    Studenten einer Uni haben das Personal nicht zu bedrohen. Wer das doch tut, kann sich ne andere Uni suchen. Studenten einer Uni haben eine Kunstausstellung nicht ihren religiösen Gefühlen anzupassen. Wenn sie das doch tun, können sie sich eine andere Uni suchen.

    Und genau hier ist das Problem: Die Uni hat nachgegeben. Die Herrschaften fühlen sich im Recht und machen locker weiter. Als nächstes wird vielleicht ein anstößiges Unterrichtsthema boykottiert und der Professor entsprechend bedroht, das Thema anders zu gestalten.

    Solche Leute brauchen wir nicht. Weder christlich noch muslimisch. Idioten darf man im übrigen auch gerne sagen, dass sie Idioten sind.

  3. Klar darf jeder rumlaufen wie er mag. Die Jungs samt ihren Mädels haben mich höchst irritiert bis amüsiert. So viele Stereotypen auf einem Haufen kenn ich sonst nicht 😉

    Die Kopftuchmädels, die beschäftigen mich insofern, als ich sie nicht verstehe. Ganz verhüllt – ok, nix für mich, aber ich kann es rational verstehen (vielleicht nicht begreifen und nachfühlen, aber doch verstehen). Diese Art, einerseits das Kopftuch (und was es repräsentiert) durch die Gegend zu tragen – andererseits Kleidung zu tragen, die diesem Grundgedanken total widerspricht hat für mich durchaus etwas bigottes. Und da frag ich mich halt, ob das nicht genau das Rosinenpicken ist, das auch zu solchen Aktionen führt: Überall alle Vorteile für sich fordern. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und – wenn es dumm läuft – sogar noch mit Unterstützung der Uni (worauf auch das Verkürzen der Ausstellungsdauer hinweist).
    So gesehen tun mir die Mitarbeiter der Bibliothek leid, die damit konfrontiert wurden.

    • Das Kopftuch und einiges andere, wird für mich mehr und mehr zur reinen Demonstration des anders Seins bzw. anders sein Wollens, mit „Gewalt“, und das macht es, in dieser Kombination, so bigott. Und es wird für mich, zusammen mit einem scheinbaren Verhaltenskodex, auch mittlerweile zur Machtdemonstration, zumindest zum Versuch einer Demonstration, das man die Macht und den Einfluss besitzt, eine Parallelgesellschaft zu etablieren, ggf. auch mit eigenen Rechtnormen. Wobei ich durchaus glaube, dass sich viele derer, die sich auf diese Weise produzieren, gar nicht bewusst sind, WAS sie da eigentlich durchsetzen oder verändern wollen.

      Und ich halte das durchaus inzwischen für mehr als eine Moderscheinung oder jugendliche „Dummheit“.

      Wir haben dummerweise den Fehler gemacht, die Bundesrepublik NICHT zu der säkularen Gesellschaft zu machen, die sie nach der Verfassung eigentlich sein sollte. Die Religionsgemeinschaften, und insbesondere die christlichen Kirchen, haben immer Sonderrechte eingeräumt bekommen, die ihnen eigentlich nicht zustanden. Jetzt werden, selbstverständlich, Forderungen laut, die gleichen Rechte (und vielleicht auch noch mehr) anderen aebenfalls zuzugestehen. Ich halte das für eine äußerst bedenkliche Entwicklung,

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